Toiletten und Vandalismus
Kölner Stadt-Anzeiger vom 19. September 2001
Ingrid Scheuer: Wer bei ihr auf der Toilette geht, muss 20 Pfennig bezahlen.
Dafür findet er ein blitzblankes Klo und kleine (aber shr begehrte) Extras vor.
Schüler zahlen für einmal Müssen 20 Pfennig
Holweide hat die erste bewirtschaftete Schultoilette
Seit gestern dürfte sie die bekannteste Toilettenfrau der Stadt sein: Ingrid Scheuer (53), Wächterin über das erste bewirtschaftete Kölner Schulklo.
VON B. AUS DER WIESCHE
Dass einmal so viel Rummel um ihre Person gemacht werden würde, hätte sich die kleine blonde Frau, bis vor kurzen noch arbeitslos und auf Sozialhilfe angewiesen, nicht träumen lassen. Sämtliche Kölner Medien stürzten sich auf sie, um alles über ihren neuen Job und das erste Bezahl-Klo für Schüler in Köln zu erfahren, das morgen offiziell eingeweiht werden soll. Seit anderthalb Wochen sitzt Ingrid Scheuer nun montags bis freitags von 8.45 bis 14.45 Uhr vor der Toilettenanlage im Untergeschoss der Integrierten Gesamtschule Holweide, die von 1750 Schülerinnen und Schülern besucht wird, und kassiert.
Für jedes Mal Müssen sind 20 Pfennig fällig. Dafür bekommt die junge Kundschaft ungewohnten Service: Kabinen und Keramikschüsseln sind geputzt, es gibt Waschtische, große Spiegel, auf den Sitzbänken im Vorraum liegen Zeit schriften zum Schmökern, aus den Lautsprecher tönt Discomusik.
"Die sind schon sehr eitel."’
INGRID SCHEUER
Das größte aber, das allergrößte, ist das Gratis-Haargel und -Haarspray, auch im Jungen -Klo, wohlgemerkt. "Die sind
schon sehr eitel", stellt Scheuer fest. Schminken und stylen darf sich ihre Klientel, solange der Vorrat reicht, rauchen darf sie nicht. Und Dreck machen auch nicht, da hört Scheuers Toleranz auf. Kaum war die neue Toilette fertig, gab es auf dem Mädchen-Klo die ersten Filzstift-Schmierereien. Scheuer hat sie weggewischt und die Konsequenz gezogen: Wer jetzt aufs Klo will, muss den Inhalt ihrer/seiner Tasche vorzeigen. Das hilft.
Das Holweider Bezahl-Schulklo ist das erste in NRW und ein zunächst auf zwölf Monate begrenzter Modellversuch. Die Initiative ging nach den Worten von Schulleiter Karl-Robert Weigelt von Eltern aus, deren Kinder sich bitter über die Züistände auf den Schultoiletten beschwert hatten - sie klagten über Dreck, Zerstörungen und Gestank. Es sei auch vorgekommen, dass ältere Schüler die jüngeren am Toi-
lettengang hinderten, weil sie gerade heimlich rauchten.
Daraufhin erarbeiteten der Förderverein der Schule und das Kollegium ein Konzept. Die städtische Gebäudewirtschaft stellte 80 000 Mark für Umbau und Ausstattung zur Verfügung, in der Hoffnung, dass die Gebühr und die saubere Umgebung die jungen Leute davon abhält, auch diese Anlage in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Als Garant für die neue Ordnung wurde Ingrid Scheuer verpflichtet, sie kommt auf Empfehlung der Elternschaft ' Für sie ist dieser Job, der zum
Teil von der Arbeitsver- waltung und dem Sozialamt finanziert wird (zehn Prozent trägt darüberhinaus der Förderverein der Schule), eine Chance. Da macht ihr selbst der weite Weg von ihrer Wohnung in Niehl nichts aus, "mit der Bahn geht das ganz gut", sagt sie.
Über die 20 Pfennig sei am Anfang viel geredet wordenberichtet Schulleiter Weigelt. Doch wenn er sehe, wie viel Geld auch Kinder aus sozial schwächeren Familien am Schul-Kiosk ausgeben, halte er diesen Betrag für angemessen. Im Übrigen werde niemand gezwungen, im Untergeschoss auf die Toilette zu gehen, in der gesamten Schule gebe es noch genügend andere Anlagen, die kostenlos benutzt werden könnten.
Aber die scheinen gar nicht mehr so beliebt zu sein, zahlreiche Schüler haben inzwischen den Reiz der Frische auch in der Schultoilette entdeckt und stellen sich bei Ingrid Scheuer an. Anna (13) und Sabrina (12) würden sogar 50 Pfennig zahlen, "weil wir das hier richtig gut finden". In den anderen WCs sei nicht mal Klopapier, schüttelt sich Anna. Auch Patrick (13) und Diego (16) versichern, die 20 Pfennig seien "okay". Ein anderer Junge glaubt dagegen zu wissen, warum die älteren Schüler nach unten marschieren: "Die kommen doch nur, weil hier mehr Mädchen sind."

Auch er hat zum Teil durch Anbringen von Deckengittern und unempfindlichem Zinkblech - erreicht, dass seine Toiletten sauber sind: Hausmeister Georg Schmitz von der Gemeinschafts Hauptschule Tiefentatstraße in Mülheim.
Archivbild: WORRING
Vandalismus-Schäden
In Köln besuchen 135 000 Schülerinnen und Schüler 287 Schulen. Acht der Einrichtungen im Stadtgebiet sind Gesamtschulen. Fur die Folgen von unbeabsichtigt angerichtet wurden, muss die Stadt jedes Jahr rund 1,5 Millionen Mark bezahlen. Diese Ausgaben verlängern den Sanierungsstau. Allein in Holweide werden 2001 rund 638 000 Mark in Renovierungsarbeiten gesteckt





