die Aufgabe des Arbeitskreises
![]() | Weiterentwicklung der Nachbarschaftshilfe "Holweider Klüngel" |
Arbeitskreisleitung: Wolfgang Güldenpfennig
e-mail: Wolfgang.gueldenpfennig [at] holweide-bv.de
Bürgertelefon: 9 680 323
stv.ArbKrs-Leitung: Elke Braun
Bürgertelefon: 9 680 323
Holweider Klüngel
ist der Name, der sich dieser Arbeitskreis gegeben hat
Internet
Der Stamm "Nimm und Gib"
Vom Stamme Nimm und Gib
In lokalen Tauschringen verwirklichen Menschen ihre Idee von einer gerechteren Wirtschaft
Die Bewegung wächst
Früher hätte sich Elke Conrad das nicht geleistet. Die arbeitslose Chefsekretärin hat gerade ihre Wohnung neu eingerichtet und ihre Sommergarderobe aufgefrischt. Sie läßt ihre Fenster putzen, lässt sich bekochen und ihren PC fachmännisch in Form bringen, „wenn der mal wieder spinnt“. Das Geld dafür hat Conrad nicht. Stattdessen treibt sie mit 240 Menschen aus Witten im Ruhrgebiet auf jene Weise Handel, die man aus dem Nachkriegsdeutschland oder dem bankrotten Argentinien der Gegenwart kennt.: Elke Conrad tauscht. „Auf dem Arbeitsmarkt habe ich keine Chance, ich bin 51 Jahre alt und Rheumatikerin“ sagt sie. „Im Tauschring sind meine Fähigkeiten dagegen gefragt.“
Nicht nur in Witten, überall in Deutschland reaktivieren Menschen seit Mitte der neunziger Jahre in lokalen Zirkeln die Tauschwirtschaft. So entsteht ein von der Euro-Ökonomie unabhängiger Makrt für Waren und Dienstleistungen. In einer Gesellschaft, in der man kurz zum Kaufhaus an der Ecke laufen und zwischen zehn Sorten Kaffee und Toilettenpapier wählen kann, sind die Motive der Anbieter und Nachfrager freilich andere als in einer Mangelökonomie.
Backwaren gegen Babysitting
Das Materielle ist Nebensache. Was immer mehr Menschen in das Biete-Backwaren-gegen-Babysitting-Business treibt, ist vielmehr die Suche nach einer Alternative zur traditionellen Wirtschaft mit Wachstumszwang. Tauschringe verstehen sich als „Experementierfeld für Gemeinwesenarbeit, für lokale, soziale und nachhaltige Ökonomie“ heißt es im Positionspapier deutscher Tauschsysteme.
Fähigkeiten sollen aufgewertet werden, „die heute nicht mit Geld nicht gerecht oder aus Geringschätzung gar nicht bezahlt werden“, proklamiert die Satzung des Mai-Taler-Tauschrings. Die Gib- und-Nimm-Gemeinde will laut Positionspapier die Form der erweiterten Nachbarschaftshilfe im Dickicht der Großstadt sein. Sie soll Arbeitslose und Alleinerziehende, Behinderte und Rentner aus der Isolierung holen und gleichzeitig möglich machen, dass sie sich Dinge leisten können, für die ihr Geld nicht reicht. Mit dieser eher ideologischen Ausrichtung sind deutsche Tauschringe international eine Ausnahme. In anderen Ländern geht es bei bargeldlosen Geschäften pragmatischer zu (siehe Kasten – unten)
Das Tauschring-Prinzip ist einfach: Elke Conrad schreibt zum Beispiel Bewerbungen für Bernd B. Der hilft Dora L. bei der Gartenarbeit, die wiederum kocht für Elke Conrad. Um die getauschten Waren und Dienstleistungen verrechnen zu können, werden sie in einer Fantasiewährung auf Konten verbucht. In Berlin-Kreuzberg rechnen die Tauschhändler in Kreuzern, in Witten in Talenten. Die Frankfurter verwenden Peanuts, Die Leipziger Batzen und die Holweider Klüngel. Was eine Leistung wert ist bestimmen nicht alle Tauschringe auf die gleiche Weise.Einige orientieren sich an den Preisen in der Euro-Welt, bei anderen zählt nur das Verhandlungsgeschick. Die Gleichheitspuristen bemessen den Wert nach der Zeit,die eine Leistung in Anspruch nimmt. In diesem Fall ist eine Stund e Fahrradreparatur genauso wertvoll wie eine Stunde Französischunterricht. Ein Grundsatz aber gilt in allen Tauschklubs: Geld spielt keine Rolle. Wer auf seinem Konto ein Minus hat, kann dieses nur durch eine Gegenleistung ausgleichen.
Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Haushaltshilfe und Haareschneiden, Renovierungsen und Reparaturen, Büroarbeiten und Esoterikkurse gehören ebenso zu Angebot wie Biobrot, Möbel, Kleidung und Bücher. „Suche Reisebegleitung“, „Verleihe Auto“, „Gebe Gesangsunterricht“ – auch das sind typische Anzeigen in den Tauschring-Magazinen. In Köln gab es einmal ein Angebot zum Ziegenmelken, in Bremen bot eine Frau ihren Dildo feil.
Als 1992 die Tauschwelle von Nordamerika und England nach Deutschland schwappte und in Halle an der Saale der erste geldlose Handelszirkel entstand, war die Euphorie groß. In der ganzen Bundesrepublik fanden sich in den Folgejahren Nachahmer. Renommierte Sozialwissenschaftler wie Rolf G. Heinz von der Universität Bochum und Ulrich Beck von der Universität München betrachteten die neue Tauschökonomie schon als möglichen Ausweg aus der arbeitsmarktpolitischen Sackgasse. Diese Euphorie ist inzwischen verflogen, doch ungeachtet dessen gewinnt die Bewegung an Bedeutung.laut Klaus Kleffmann, Leiter des Tauschring-Archivs in Osnabrück, einer bundesweiten Dachorganisation, gibt es heute etwa 350 Tauschringe mit insgesamt rund 25 000 Mitgliedern. Die Gemeinde wächst. Allein in der Kleinstadt Witten kommen jährlich 30 bis 40 neue Mitglieder hinzu.
Die Anzahl der Anhänger werde sich in den nächsten drei Jahren sogar vervierfachen, glaubt Kleffmann – „vorausgesetzt, die Tauschringe vernetzen sich noch stärker im gemeinnützigen Wirtschaftssektor“. Tatsächlich stößt in der Zeit kollabierender Wohlfahrtssysteme gerade die soziale Ausrichtung er Tauschgemeinde auf breites Interesse, auch der Politik.
Wo beginnt die Schwarzarbeit?
Kleffmann selbst leitet das erste Tauschring-Projekt, das die EU zur Hälfte finanziert. Köperlich Behinderte und chronisch Kranke sollen dort ihre Fähigkeiten einsetzen und stärker am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Dass das nicht bloß eine schöne Idee ist, beweist seit Jahren die Tauschbörse Kassen, die im örtlichen Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen untergebracht ist. Unter den Mitlgiedern sind viele mit Handicap. Auch das Bundesgesundheitsministerium hat den Nutzen der Tauschringe erkannt und fördert mit 9300 Euro erstmals deren Bundestreffen,das im September 2002 in Witten stattfinden wird.
Vielerorts stellen die Kommunen den Tauschringen Räume zur Verfügung. Die Gemeinde Schriesheim an der Bergstraße hat den dort ansässigen Tauschclub sogar eigens ins Leben gerufen. In Witten planen Vertreter der Gemeinde und des Tauschrings eine engere Zusammenarbeit. „Die Kommunen müssen sparen. Deshalb suchen wir bei der Finanzierung etwa von Stadtteilbüchereien nach neuen Wegen“, erklärt Bürgermeister Klaus Lohmann. Die Renovierung des Jugendhauses kostet die Stadt nicht einen Cent. Mitlgieder der Tauschbörse machten die Arbeit, im Gegenzug verzichtet die Gemeinde auf die Miete für den Vereinsraum.
Bislang sind das Einzelfälle.Dass Kommunen nicht viel stärker mit Tauschringen kooperien, obwohl sie von deren sozialem und umweltpolitischem Engangement profitieren, liegt oft nur an den bürokratischen Barrieren. „Das scheitert in der Regel daran, dass die Finanzpolitiker nicht wissen,wie sie Kreuzer oder Batzen (oder wie bei uns Klüngel) verbuchen sollen“, sagt Klaus Kleffmann.
Der Expansion des geldlosen Handels steht zudem die Unsicherheit gegenüber im Wege, wie sich Tauschgeschäfte auf Sozialleistungen, etwa Arbeitslosengeld, auswirken und ab wann die getauschten Dienstleistungen einkommenssteuerpflichtig sind.
Damit sie nicht den Stempel der Schwarzarbeit aufgedrückt bekommt, ist die Gib-und Nimm-Gemeinde gezwungen, ihre Bedeutung klein zu reden. „Viele Mitglieder sind verunsichert“, sagt Elke Conrad aus Witten. Dazu beigetragen hat eine Interventionder Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs in Bad Homburg. Die überwiegend von Wirtsschaftsverbänden und Unternehmen finanzierten Wettbewerbskontrolleure klagten gegen einen Tasuchhändler aus Halle, der Elektroarbeiten rund ums Haus angeboten hatte. Der Mann sei dazu nicht berechtigt gewesen,weil er nicht in der Handwerksrolle eingetragen war, so die Begründung der Wettbewerbszentrale. Die Folge: in Strafgeld von 300 Mark.
In den Niederlanden, wo die Bewegung etablierter ist als hierzulande, kann solche Verunsicherung nicht aufkommen. Für Tauschgeschäfte gibt es einen jährlichen steuerlichen Freibetrag von rund 1400 Euro.
In anderen Ländern: privat, politisch, kommerziell
Milliardentausch für Unternehmer
Schweiz: In Europa floriert der Tauschhandel unter Unternehmen in der Schweiz. 70.000 Firmen treiben dort Barter-Geschäfte. Das sind 25 % aller Betriebe. Der jährliche Umsatz: 2,5 Milliarden Franken. Die größte Organisation ist der WIR-Wirtschafsring. Er wurde 1934 gegründet, und seine ursprüngliche Zielsetzung war es, durch den geldlosen Handel die Nachfrage zu beleben und den Zins abzuschaffen. Heute versteht er sich als Selbsthilfeorganisation des Mittelstands.
![]() | Vereinigte Staaten: In den USA verzichten zahlreiche Gewerbetreibende bei ganz normalen Geschäftenauf Geld. Vor allem die so genannten Barterclubs boomen. Das sind regionale Tauschringe von Unternehmen, die anders als die Gib-und-Nimm-Gemeinde in Deutschland kommerziell ausgerichtet sind. Inzwischen beteiligen sich rund 400.000 Unternehmen, insbesondere aus dem Baugewerbe und dem Einzelhandel, am Geschäft Ware gegen Ware. Sie tauschen jährlich Waren und Dienstleistungen im Wert von fast 10 Milliarden Dollar. Ganz andere Motive hat die US-Gemeinde Ithaca, die zur Stärkung der lokalen Ökonomie ihr eigenes Tauschgeld druckt. Dort, im Bundesstaat New York, sind die Köpfe von Georg Washington, Abraham Lincoln und Co. Von vielen Geldscheinen verschwunden. Statt des gewohnten Konterfeis eines ehemaligen Präsidenten zieren regionale Blumenarten und lokale Wasserfälle die Scheine. Es handelt sich dabei um die neue, lokale Währung, die ?Ithaca-Hours?, die insgesamt 1500 Bürger für den Tausch von Waren und Dienstleistungen nutzen. Inzwischen lassen sich viele Handwerker und Farmer in Hours bezahlen, so mancher Einwohner von Ithaca zahlt sogar seine Miete damit. Selbst in den feien Restaurants der Gemeinde, in den Kinos und auf Bowlingbahnen wird die Nebenwährung klaglos akzeptiert. Frankreich: Auch den 350 französischen Tauschringen, Grain de Sel (Salzkörner) genannt, fehlt die für die deutschen Zirkel typische ideelle Ausrichtung.Träger der Bewegung ist nicht die Alternativszene in den Großstädten. Vielmehr gibt es in Frankreich Landstriche, in denen sich Bauern mit Tauschgeschäften bis zu 40 % ihres Lebensunterhalts erwirtschaften. Bernard Litaer, Exmitglied der belgischen Zentralbank,ist ein Verfechter der so entstehenden lokalen Komplementärwährungen. Er berichtet von der Region Ariege ín Südwestfrankreich , in der die Bewohner alle 14 Tage zu einer großen Party zusammenkommen. ?Die Leute handlen nicht nur wie an normalen Markttagen mit Käse, Früchten oder Kuchen, sondern auch mit Stunden für Klempnerarbeiten, Haareschneiden, Segeln oder Englischlektionen. Nur lokale Währungen werden nicht akzeptiert. Italien: In Italien werden die knapp 100.000 Mitglieder der Banche del Tempo (Zeitbanken) von den Kommunen unterstützt.Häufig betreiben sie Schulen und Kindergärten. |
England: die 40.000 Mitglieder der englischen Lets (Local Employments and Trade Systems) können Gemeindeabgaben teilweise in der jeweiligen lokalen Währung zahlen.
Aus „Die Zeit“ vom 4.7.2002 Nr. 28






